Also stellt euch vor: Sommer 2022. Ein Arm, der sich anfühlt, als wäre er eingeschlafen — nur, dass er partout nicht wieder aufwachen will. Ich dachte erst: Vielleicht zu viel Kaffee, zu viel Bildschirm, zu viel alles. Aber nein. Es folgen Neurologietermine, Nervenleitgeschwindigkeitsmessungen — und das Ergebnis: Da ist nichts. Meine Nerven sind in Ordnung. Wie Drahtseile. So kennt man mich.
Ein Jahr später meldet sich mein Bein. Same procedure as last year: eingeschlafen, kein Gefühl. Nur die leise Ahnung, dass hier irgendwas richtig schiefläuft. Wieder Neurologietermine, wieder Nervenleitgeschwindigkeitsmessungen. Aber: Wieder nichts.
Und dann kam dieser Satz von meinem Neurologen: „Bringen Sie mir Bilder von Ihrem Kopf.“ Ich war beleidigt. „Hallo? Wie unverschämt! Ich habe doch nichts im Kopf, was da nicht hingehört!“, dachte ich mir.
Aber wie immer: Ich mache den Brainiac-Move — und somit ein MRT von meinem Kopf.
Und da waren sie zu sehen: die Entzündungsherde, das Konfetti in meinem Kopf. Bisschen dröge, gar nicht bunt.
Fast forward zur Weihnachtszeit 2023: Es folgt ein längerer Krankenhausaufenthalt mit MRTs, Nervenleitgeschwindigkeitsmessungen, Lumbalpunktion, Cortison-Stoßtherapie – und die Diagnose: Multiple Sklerose. Nix mehr zu machen. Das mit dem Arm und dem Bein bleibt jetzt so.
Zweieinhalb, drei oder vier Jahre ist das jetzt her – ja nachdem, welches „Event“ man als Startpunkt nimmt. Zweieinhalb, drei oder vier Jahre, die mich stärker, fokussierter und ja — noch bissiger gemacht haben. Ich hab das nie groß getrommelt. Es gab keine bedrückenden Social-Media-Beiträge, kein tieftrauriger „Ich-bin-krank“-Aufruf. Warum? Weil ich mehr bin als ein medizinischer Begriff plus ICD-Code.
In diesem Blogartikel blicke ich zurück — rückwärts durch die letzten Jahre. Weil Rückblicke ja die neue Währung sind.
Das Coming-Out, das keines war: Schweigen im Walde
Nachdem der Neurologe mir das Ergebnis in die Hand gedrückt hatte, hättet ihr das große Drama erwarten können. Immerhin bin ich doch Social-Media-Tante. Ein Social-Media-Bekenntnis, sentimentale Stories, Empathie in 280 Zeichen. Und was kam? Nichts davon. Warum? Weil ich nicht meine Diagnose bin. Die MS ist ein Teil meines Lebens, aber sie bekommt nicht die Hauptrolle. Denn die habe ich – als kompletter Mensch.
Also habe ich geschwiegen. Nicht aus Scham, nicht aus Angst vor Mitleid — sondern aus meinem State of Mind heraus: Ich bin ich. Marketing-Fuzzine, Ironie-Expertin, sarkastische Wortspielerin – und letztendlich auch die Protagonistin meines Lebens. Multiple Sklerose ist meine Krankheit. Nicht mehr und nicht weniger. Und ich werde mich nicht über sie definieren lassen.
Was Multiple Sklerose mich lehrte: Lifehacks fürs Mindset
Die Kunst der Priorisierung
Wenn man in der Marketing-Welt lebt, ist man es gewohnt, dass Hektik die Standardeinstellung ist. Ständige Erreichbarkeit, endlose To-do-Listen und der Druck, immer einen Schritt voraus zu sein. Doch Multiple Sklerose ist ein radikaler Stopp-Button. Wenn das Nervensystem in aller Deutlichkeit flüstert: „Langsamer, oder bald geht gar nichts mehr“, wird man gezwungen, die wirklich wichtigen Assets zu bewerten.
Ich habe gelernt, dass Gesundheit nicht verhandelbar ist. Die tägliche Jagd nach dem nächsten KPI wird abgelöst von der Einsicht, dass echte Werte und Momente der Ruhe die Währung sind, die am Ende wirklich zählt.
Dieser erzwungene Fokus auf die Kernbotschaft des eigenen Lebens – weg vom unnötigen Noise – schärft ironischerweise auch den Blick im Marketing. Ich eliminiere den Ballast und konzentriere uns auf das, was impact hat. Also ja: Ich fühle mich fokussierter und mehr denn je in der Lage zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden. Das macht mich stärker. Auch im Job.
Resilienz statt Resignation
Multiple Sklerose ist der ultimative Stresstest für die Flexibilität. Sie ist unberechenbar und hält sich an keinen Redaktionsplan. Was heute an Energie, Koordination oder Sehkraft vorhanden ist, kann morgen wackeln oder gänzlich ausfallen.
Hier greift das Marketing-Mindset: Aufgeben? Niemals. Statt Resignation zu zeigen, schalte ich auf strategische Anpassungsfähigkeit um. MS lehrt mich, immer einen Plan B, C und D in der Tasche zu haben – genau wie in der dynamischen Welt der unberechenbaren Märkte oder bei einer schnell wechselnden Social-Media-Algorithmusänderung. Diese permanente Notwendigkeit, flexibel zu sein und schnell auf Rückschläge zu reagieren, baut eine Resilienz auf, die mich nicht nur im Umgang mit der Krankheit, sondern auch bei meiner Arbeit stärker macht.
Chaos als Geburtsstätte genialer Ideen
Im Marketing sind wir bestrebt, Kampagnen zu entwickeln, die durch einen Überraschungseffekt im Gedächtnis bleiben und die Zielgruppe emotional berühren. MS ist in diesem Sinne die Meisterin des Unvorhersehbaren. Die Krankheit lehrt mich, dass unvorhersehbare Wendungen nicht immer nur ein Risiko, sondern auch ein Motor sein können.
Manchmal zwingt uns der Körper zu einem ungeplanten Creative Break, weil die Energie einfach weg ist. Und genau in diesem scheinbaren Chaos, in der notgedrungenen Stille, in der man gezwungen wird, Abstand zu nehmen, werden oft die genialsten Ideen geboren. Ich bin gezwungen querzudenken (ja, ich weiß, das ist negativ konnotiert, aber ich meine das echt positiv), alternative Wege zu finden und die eigenen physischen und mentalen Limits neu auszuloten.
Der Alltag mit MS und Marketing – Chaos, Kreativität und Kontrolle
14 Uhr: Da sitzt ihr, habt gerade eine Social-Media-Analyse abgeschlossen, Kaffee Nr. 3 in der Hand — und plötzlich spürt ihr: die Extremitäten kribbeln, das Gefühl wird weniger. Schwer einzuordnen. Unspezifisch. Vielleicht nur Müdigkeit, vielleicht mehr.
Mit MS kann das Alltag sein. Und trotzdem — denselben Nachmittag nutze ich, um Content-Ideen zu brainstormen. Oder Kampagnen-Concepts. Weil: Manchmal lehrt einem der Körper, sich „mal eben“ zurückzuziehen. Mein Hirn funktioniert aber noch. Und das ist für mich persönlich wichtiger.
Ich sehe MS als nicht-lineares Dashboard meiner Energie: Nicht immer stabile Performance, aber irgendwo zwischen Schwankung und Überraschung liegt Kreativität. Und manchmal ist der Creative Break genau der Moment, in dem eine geniale Idee geboren wird.
Die Kehrseite der Glitzer-Medaille – Zweifel, Ängste, fiese Tage
Klar — so euphorisch und bissig ich klingen mag: Multiple Sklerose ist kein Witz. Manche Tage sind einfach doof. Ich erzähle das nicht – niemandem. Ich ziehe es einfach durch. Weil ich mir das zutraue. Und wenn’s nicht so wäre: Dann würde ich es sagen. Weil ich eben nicht allein auf dieser Welt bin und es Menschen gibt, die sich auf mich verlassen.
Mein linker Arm und mein linkes Bein schlafen übrigens immer noch. Aber ich habe Muscle-Memory. Ich laufe, wie ich es die letzten Jahrzehnte schon gemacht habe. Ohne den Boden unter meinem linken Fuß zu spüren. Und ich tippe trotzdem in die Tastatur, ohne dass meine linke Hand die Anschläge spürt. Es ist wie es ist. Und es geht. Weil in meinem Hirn neben dem Konfetti noch ganz viel Brain wohnt – und das ist das, worüber ich mich definieren will.
Aber manche Fragen bohren: Wird mein Körper mich irgendwann im Stich lassen?
Es gibt Behandlungen, ja. Aber MS bleibt unberechenbar. Und manchmal wünsche ich mir einfach, dass das Leben standardisiert wäre wie ein Kampagnenplan: Start – Middle – End. Stattdessen gibt’s Wildcards, unvorhersehbare Wendungen, Nervenzellen, die dir zuflüstern: „Mal sehen, ob du heute so produktiv bist.“
Warum ich trotzdem weitermache
Ich habe mich entschieden: MS schreibt nicht meine Geschichte — ich schreibe sie. Nicht jedes Kapitel ist rosarot – das macht es irgendwie „bitterlich spannend“. Aber authentisch. Und dafür kämpfe ich.
Und deshalb schreibe ich. Nicht für Mitleid. Nicht für Anerkennung.
Weil ich zeigen will: Es gibt Leben mit MS. Und es gibt ein Leben nach der MS-Diagnose. Oder besser gesagt: Ein Leben mit MS, das trotzdem voller Farbe, voller Wut, voller Humor, voller Möglichkeiten ist.
Fazit
Ihr wollt Mitleidsgehasche? Fehlanzeige. Ihr wollt Inspiration? Gerne. Ihr wollt Storytelling mit Authentizität, mit Ecken und Kanten — mit Mut denn das kostet es mich gerade und Ironie? Here we go.
Ja, 2023 war das Jahr, in dem der Diagnoseradar auf „Alarm“ ging. Aber es war auch das Jahr, in dem ich realisierte: Diagnose hin oder her — das Ruder liegt immer noch in meinen Händen.
Ich bin nicht meine Krankheit. Ich bin die, die mit ihr tanzt. Oft wackelig, aber trotzdem elegant – aber immer mit Stil. Und mit Plan.
Wenn ihr eines aus meinem kleinen (aber lautstarken) MS-Marketing-Manifest mitnehmt, dann das: Lebt laut. Arbeitet smart. Und lasst euch niemals durch ein Wort definieren — besonders nicht durch ein medizinisches.






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