Irgendwo in eurer Agentur läuft gerade ein Skript, das für jede deutsche Kleinstadt eine „individuelle“ Ratgeberseite ausspuckt. Es fühlt sich nach Produktivität an. Für Google fühlt es sich nach etwas anderem an, und dafür gibt es seit 2024 einen eigenen Namen.
Ich habe in meinem Berufsleben als Entwicklerin genug Automatisierungen gebaut, um zu wissen, wie verführerisch ein Knopf ist, der Arbeit verschwinden lässt. Dann arbeite ich als Social Media Managerin und sehe, was passiert, wenn niemand mehr fragt, ob das Ergebnis überhaupt jemanden interessiert. Scaled Content Abuse ist die Stelle, an der beides kollidiert.
Was Scaled Content Abuse bedeutet
Scaled Content Abuse (auf Deutsch: Missbrauch mit massenhaft generierten Inhalten) liegt vor, wenn viele Seiten in erster Linie erstellt werden, um das Suchranking zu manipulieren, statt Nutzer*innen zu helfen. Typisch sind große Mengen an Nicht-Originalinhalten, die wenig oder gar keinen Mehrwert bieten.
Eingeführt hat Google die Richtlinie zusammen mit dem Core Update vom März 2024. Sie baut auf der älteren Regel zu automatisch generierten Inhalten auf und gilt unabhängig davon, ob Automatisierung, Menschen oder eine Mischung aus beidem die Inhalte erzeugen.
Was Google ausdrücklich als Beispiele nennt
- Generative KI, die viele Seiten erzeugt, ohne Nutzer*innen einen Mehrwert zu bieten.
- Scraping von Feeds, Suchergebnissen oder anderen Inhalten, auch mit Synonymisierung oder Übersetzung als Verschleierung.
- Das Zusammenfügen von Inhalten verschiedener Webseiten ohne Mehrwert.
- Mehrere Websites, die die Skalierung der Inhalte verbergen sollen.
- Viele Seiten, deren Text für Leser*innen keinen Sinn ergibt, die aber Suchbegriffe enthalten.
Die Konsequenz ist unromantisch: Betroffene Websites können niedriger ranken oder gar nicht mehr in den Ergebnissen erscheinen. Bei einer manuellen Maßnahme erfahrt ihr das über die Search Console.
Warum Google nicht die KI jagt
Verbietet Google KI-Texte? Nein.
Entscheidend ist der Hauptzweck: Wer Inhalte in erster Linie produziert, um Rankings zu manipulieren, verstößt gegen die Richtlinie, egal ob die Texte nun von einem Menschen oder einer Maschine geschrieben wurden. Google selbst beschreibt die Regel als Fortführung derselben Grundidee, nur eben für ausgefeiltere Methoden der Massenproduktion.
Das ist unbequem. Es nimmt euch zwei Ausreden gleichzeitig:
- Die Ausrede „Ein Mensch hat drübergeschaut“ rettet 400 inhaltsleere Seiten nicht.
- Die Ausrede „Das war doch nur KI“ entlastet auch niemanden, der eine Content-Farm mit Praktikant*innen betreibt.
KI-Content ohne Spam-Risiko
KI ist nicht das Problem, fehlender Mehrwert ist es. Wer KI für Recherche, Struktur und Rohfassungen nutzt, braucht trotzdem menschliches Urteil. Der Unterschied zeigt sich in Haltung, Prüfung und Verantwortung. Wir zeigen, wie ihr diese Rollen im Team verteilt.
Ein Beispiel mit Schnitt: Das Axt-2000-Prinzip
Stellt euch vor, ihr verkauft die Axt 2000 und lasst für jede Stadt in Deutschland eine Seite „Axt kaufen in Musterstadt“ erzeugen.
Der Text wechselt nur den Ortsnamen, dazu kommen drei Sätze über „die Bedeutung regionaler Holzwirtschaft“, die niemand geprüft hat. Das ist keine Effizienz. Das ist ein Textbaustein mit Postleitzahl.
Google nennt solche Muster bei den überflüssigen Keywords sogar selbst: Textblöcke mit Städten und Regionen, für die eine Seite ranken möchte.
Das Gegenstück wäre eine einzige Seite, die erklärt, welche Axt für welches Holz taugt, mit eigenen Tests und echten Fotos. Das lässt sich mit KI-Unterstützung produzieren, ohne dass es Spam wird. Die Frage lautet also nie „Wer hat getippt?“, sondern „Wer hat davon etwas?“.
Woran ihr Spam im Alltag erkennt
Die Grenze verläuft nicht zwischen „viel“ und „wenig“. Ein Medium mit tausenden Artikeln ist kein Spam, solange jeder Artikel einen Zweck jenseits des Rankings hat. Die Grenze verläuft zwischen Mehrwert und Mustervervielfältigung. Aus meiner Erfahrung (also eine Einschätzung, keine Google-Aussage) tauchen in Teams fünf Warnsignale immer wieder auf.
Fünf Warnsignale aus der Praxis
- Die Themenliste stammt aus einem Keyword-Export, nicht aus Fragen echter Kund*innen.
- Zwei Seiten unterscheiden sich nur durch Ortsnamen, Produktnamen oder Branchenbegriffe.
- Niemand im Team kann sagen, welche Frage die Seite beantwortet, die nicht schon zehnmal beantwortet wurde.
- Die Veröffentlichungsfrequenz richtet sich nach dem Tool-Abo, nicht nach dem Redaktionsplan.
- Für die Seite existiert weder eigene Erfahrung noch eigene Daten noch eine benannte Verantwortliche.
Der Umgehungsreflex
Besonders heikel ist der Versuch, Masse zu verstecken. Google zählt das Erstellen neuer Subdomains, Unterverzeichnisse oder Websites mit der Absicht, fortgesetzt gegen die Richtlinien zu verstoßen, zur sogenannten Richtlinienumgehung. Das kann auch Spezialformate wie Discover oder Schlagzeilen treffen. Wer erst Spam baut und ihn dann auf eine zweite Domain umzieht, hat ein Hobby mit Eskalationspotenzial.
Auch bei Affiliate-Seiten lohnt der Blick ins Kleingedruckte. Google bezeichnet Seiten als minderwertig, wenn Produktbeschreibungen und Erfahrungsberichte vom Händler kopiert werden. Gute Affiliate-Seiten bieten dagegen etwa Preisinformationen, Tests, Bewertungen und Produktvergleiche.
Die Checkliste für Content-Teams
Mit welchen Fragen prüft ihr also, ob Effizienz in Spam kippt?
Mit diesen acht – und vor der Veröffentlichung und bevor ihr eine Serie startet. Die Liste ist meine praktische Übersetzung der Google-Kriterien, keine offizielle Google-Vorgabe.
Die Regel: Drei Antworten mit „Nein“ sind ein Stoppsignal.
- Zweck: Können wir in einem Satz sagen, welchem Menschen diese Seite bei welchem Problem hilft?
- Originalität: Enthält die Seite etwas, das ohne uns nicht im Netz stünde, etwa eigene Daten, Tests, Erfahrung oder Einordnung?
- Unterscheidbarkeit: Würden zwei Seiten der Serie auch dann noch Sinn ergeben, wenn man Orts- oder Produktnamen vertauscht?
- Prüfung: Hat eine fachkundige Person jede Behauptung geprüft, nicht nur die Rechtschreibung?
- Verantwortung: Steht eine benennbare Person oder Redaktion hinter der Seite?
- Quellen: Sind überprüfbare Fakten mit Primärquellen belegt, statt aus anderen Texten umformuliert zu werden?
- Auslöser: Entsteht die Seite, weil Nutzer*innen etwas brauchen, oder weil ein Tool es kann?
- Ausstieg: Wären wir bereit, die Seite auch ohne Suchmaschinen-Traffic zu veröffentlichen?
Was ihr bei Treffern konkret tut
Habt ihr Bestände, die durchfallen, löscht oder überarbeitet sie. Google rät selbst, solche Inhalte von der Suche auszuschließen, wenn man sie hostet. Konsolidiert ähnliche Seiten zu einer starken, statt sie als Serie zu pflegen. Und baut vor jeder neuen Programmatic-Aktion eine kleine Stichprobe: zehn Seiten, die jemand liest wie ein Kunde, der es eilig hat.
Als Faustregel für die Entscheidung gilt: Automatisiert Recherche, Strukturierung, Rohfassungen und Übersetzungsvorschläge, aber nicht das Urteil. Das Urteil ist der Teil, für den Leser*innen Zeit hergeben. Psychologisch ist das übrigens nicht überraschend: Menschen merken erstaunlich schnell, wenn ein Text keine Haltung hat, auch wenn sie nicht benennen können, woran.
Fazit: Effizienz ist kein Alibi
Scaled Content Abuse beginnt nicht bei der hundertsten Seite, sondern bei der ersten, die ohne Leser*in im Kopf entsteht. Mein Rat: Streicht die nächste Serie, die ihr nicht in einem Satz begründen könnt, und investiert die gewonnene Zeit in eine Seite, die sich ein Mensch freiwillig merkt. Skalierung ist nur dann ein Geschäftsmodell, wenn zuerst etwas da ist, das sich zu skalieren lohnt.







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