Ich scrollte letztens durch meinen LinkedIn‑Feed – und was sehe ich? Selfies mit gezwungen verträumtem Blick, Posts darüber, wie dankbar man ist, morgens aufgewacht zu sein. Dankbar. Für. Den. Kaffee. Dann Karussells darüber, wie man als „Thought Leader“ beim Timer‑Piepen im Home-Office seine Seele neu erfand, und: jede Menge Ästhetik, als hätte man die Filter von Instagram direkt nach Redmond importiert. Ich war versucht, meinen Kaffee verschütten vor Lachen – aber hey, ich bin LinkedIn‑Professional, keine Unordnung bitte.
Ist das nur ein kurzer Spaß, eine Modeerscheinung oder eine echte Transformation von LinkedIn? Wird das Business-Netzwerk LinkedIn zum neuen Instagram? Genau das wollen wir hier untersuchen.
LinkedIns neue Instagram-Identität – Was ist passiert?
Früher war LinkedIn ein Ort fürs Business: Lebensläufe, Job-Angebote, ein seriöses Netzwerk. Aber in den letzten Jahren wirkt’s zunehmend so, als habe LinkedIn beschlossen, eine Insta-Renaissance zu starten – nur eben mit Anzug und Krawatte. Visuell geprägter Content gewinnt an Bedeutung: Bilder, Karussells, typografisch aufgepeppte Slides dominieren die Feeds.
LinkedIn wird zur Bühne für persönliches Branding – ähnlich wie Instagram, aber „mit mehr Substanz“. Natürlich. Parallel dazu werden auf LinkedIn mehr Inhalte von Top-Creators angezeigt, während klassische Unternehmensseiten seltener Reichweite bekommen. Das heißt: Mehr Privatpersonen, mehr Persönlichkeit – weniger langweiliges Blabla-Firmennews.
Auf LinkedIn selbst wird der Wunsch nach Humor und persönlichem Einblick immer stärker: LinkedIn erlebt seit 2020 einen Anstieg von humorvollen Posts – mit lustigen Anekdoten, selbstironischen Sketchen und zunehmend emotionalem, verletzlichem Storytelling. Endlich. Ich bin sehr dankbar darüber.
Kurz gesagt: LinkedIn wandelt sich – von nüchternem Business-Netzwerk zu einer Plattform, auf der Persönlichkeits‑Marken, Insta-Feels und Dankbarkeits-Poesie um die Vorherrschaft kämpfen.
Die „Ich-bin-so-dankbar“-Ästhetik
Plötzlich überschlagen sich Beiträge damit, wie dankbar man ist – für das Team, das Projekt, den Montag, den Regen, die Kaffeemaschine, das Atmen. Auf Insta war das schon ein Trend, aber auf LinkedIn? Da wirkt es fast wie ein transzendenter Business-Glaubenssatz. Ich bin trotzdem noch dankbar.
Die Dankbarkeitsposts sind fast immer sehr strukturiert:
- ein Bild (oft ein Portrait, Selfie oder einen minimalistisch gefilterten Moment) oder
- ein Carousel mit 3–5 Folien, auf denen man brav jedem Menschen in der eigenen „Journey“ dankt
(Mentoren, Kindern, Haustieren, Team, den Eltern, dem Kaffeekocher) - und dann ein Abschluss-Satz in CAPS LOCK: „ICH BIN DANKBAR UND DEMÜTIG!“
- plus ein paar Herz-Emojis und vielleicht ein Hashtag wie #blessed oder #humble.
Warum passiert das? Auf Instagram hat sich seit Jahren die Ideologie durchgesetzt: Erfolg ist mehr als ein Lebenslauf, es ist ein Lebensgefühl. Diese Idee überspringt nun die Plattformgrenzen. Influencing Strateg*innen sehen LinkedIn als neue Bühne für emotionale Geschichten, und häufig performen diese sehr gut.
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Aus der Perspektive der Algorithmus-Mechanik: Posts, die Emotionen wecken, erzeugen Engagement – und das wiederum wird vom LinkedIn-Algorithmus belohnt. Der Shift zur persönlichen Nacherzählung, gewürzt mit Dankbarkeit, ist also kein Zufall, sondern eine bewusste Strategie und zugleich ein soziales Phänomen.
Algorithmen, Reichweite und Selbstdarstellung: Der Algorithmus tanzt Lambada
Lasst uns mal den Algorithmus zum Tanzpartner nehmen: LinkedIn optimiert seinen Feed zunehmend auf Engagement, Interaktion und visuell ansprechende Inhalte – so ähnlich wie Instagram. Laut einer LinkedIn-Analyse werden Posts mit Bildern, Karussells und typografischem Design massiv bevorzugt.
Dazu kommt, dass Beiträge mit Personen-Fotos – insbesondere Selfies – die Reichweite um bis zu 30 % steigern können. Und wenn ihr selbst auf dem Foto zu sehen seid, sogar noch mehr. Das klingt fast so, als wolle LinkedIn, dass ihr euer bestes Insta-Lächeln aufsetzt – für den beruflichen Erfolg.
Gleichzeitig ist die organische Reichweite von einfachen Text-Posts laut einer Agorapulse-Analyse verhältnismäßig gering: Link-Posts dominieren das Volumen, erzeugen aber wenig Reaktionen. Wenn ihr gesehen werden wollt, braucht ihr mehr „Looks“, weniger Links.
Diese Algorithmen-Ergonomie treibt viele dazu, nicht mehr nur inhaltsgetrieben zu posten, sondern sichtbar zu sein: dankbar, emotional, “leadership‑verkleidet als LifeStory”. Das ist eine neue Selbstdarstellungsform – Insta im Anzug.
Kritik, Komik und Kehrseiten: Wenn Authentizität zum Cringe wird
So viel zur Sonnenseite – aber natürlich hat dieser Trend auch eine Schattenseite. Und oh, wie grandios diese Schatten tanzen.
Manchmal fühlt sich LinkedIn nicht mehr wie ein Business-Netzwerk an, sondern wie ein Theater der Selbstinszenierung. Auf Reddit beschwert sich ein Nutzer:
„LinkedIn is more about fairy tales than it is reality… LinkedIn is more about people wanting to look more professionally successful than they are but doing it with fake resume experience …“
Ja wirklich – wir bekommen Karussells über „meine Karriere, meine Dankbarkeit, meine Familie, meine Erleuchtung“, aber ob da Substanz hinter ist, bleibt oft unklar.
„LinkedIn posts look like they are written for toddlers … I have seen a dozen people now with the same flashy color … the same super colorful/neon cover photo … another post about how they got 5000 followers … BUT stay truthful …“
Das Urteil ist hart, aber treffend: Es wirkt, als würden viele User*innen den gleichen Instagram-Influencer*innen‑Leitfaden rezitieren – nur eben mit Business-Jargon.
Authentizitätsparadox
Barbara Duna, eine LinkedIn-Nutzerin, bringt es auf den Punkt:
„Zwanghaft einen Zusammenhang zwischen Privat‑ und Arbeitsleben herstellen … Was ist an authentischer Selbstdarstellung so falsch?“
Sie sagt es völlig richtig: Authentizität ist per se nichts Schlechtes – aber wenn jede*r auf LinkedIn plötzlich dankbar über sein Frühstück posaunt, wirkt es womöglich nicht mehr echt, sondern inszeniert.
Algorithmus-Manipulation
Der Wunsch nach Sichtbarkeit kann motivieren, persönlich zu werden – aber das Risiko ist, dass man sich selbst verrät, nur um Likes zu bekommen. Die Gratwanderung zwischen echtem Storytelling und Clickbait ist schmal, und viele Nutzer*innen tanzen darauf, ohne es zu merken.
Chancen und Gefahren für Brands und Professionals
Okay, genug gelästert – schauen wir auch, was dieser Wandel für euch als Social Media Manager*innen, Personal Brands oder aufstrebende LinkedIn-Stars bedeuten kann.
Chancen
- Persönliches Branding gewinnt: Wenn ihr eure Geschichte gut erzählt – mit Bildern, Emotionen, Dankbarkeit – könnt ihr eine treue Community aufbauen. Persönliches LinkedIn-Branding ist heute mehr möglich denn je.
- Höheres Engagement: Dank der Visual-First-Trends (Bilder, Karussells) könnt ihr eure Posts so gestalten, dass sie algorithmisch begünstigt werden.
- Differenzierung: Wenn ihr es schafft, authentisch zu sein, aber nicht in die Dankbarkeits‑Clownsshow abzurutschen, hebt ihr euch positiv ab. Eure Geschichten können echten Mehrwert bieten.
Gefahren
- Cringe-Falle: Überinszenierung kann dazu führen, dass ihr nicht mehr als Thought Leader, sondern als „Dankbarkeits-Warrior mit der Axt 2000“ wahrgenommen werdet.
- Überforderung: Wenn ihr ständig Storytelling posten müsst, um Reichweite zu halten, könnte LinkedIn zu einem weiteren Stress-Kanal werden.
- Glaubwürdigkeitsverlust: Wenn eure Posts zu sehr nach Show riechen, kann das langfristig euer Vertrauen beschädigen – insbesondere bei ernsthaften Geschäftspartnern.
Fazit: LinkedIn wird zum neuen Instagram
Was lernen wir daraus? LinkedIn wird zum neuen Instagram – und der Wandel ist tiefgreifend. Die „Ich-bin-so-dankbar“-Ästhetik, das self-branding, Selfies im Business-Modus – all das ist nicht zufällig, sondern Ausdruck einer neuen Ära. Aber es ist eine Ära mit Ambivalenzen.
Ja, es ist schön, authentisch zu sein. Ja, es ist mächtig, eure Geschichte zu teilen. Aber ja, es ist auch absurd, wenn man Dankbarkeit übers Ziel hinausschießt, nur um algorithmisch zu glänzen.
Für euch heißt das: Nutzt diese Trends bewusst. Erzählt, wenn es echt ist. Seid vorsichtig mit zu viel Glamour. Und vergesst nicht, dass LinkedIn ursprünglich ein berufliches Netzwerk war – nicht die Bühne für den Insta‑Dankbarkeits-Wettbewerb.
Wenn ihr das schafft, könnt ihr tatsächlich von LinkedIn 2.0 profitieren – mit Reichweite, Verbindung und echter Persönlichkeit. Wenn nicht … nun, dann scrollt ihr wohl bald durch ein Business‑Instagram mit Slide‑Karussells über eure Dankbarkeit für den Montag.








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